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![]() Erneute Trennung ist undenkbar!Rund 30 Salons und 20 Schulen: Berlin hat sich, nach Buenos Aires, zu der Tango-Metropole entwickelt. Jörg Buntenbach, Herausgeber von tangokultur.info, schreibt über die wechselvolle Liebesgeschichte zwischen der deutschen Hauptstadt und dem argentinischen Tanz.
Der Tango und Berlin lernten sich im Jahre 1913 kennen. Und Paris war sozusagen die Kupplerin, denn von der französischen Hauptstadt aus verbreitete sich die erste Tangowelle über ganz Europa. Bei einem Tanzturnier im Admiralspalast in der Friedrichstraße 101 im Jahre 1913 gewann Niki Georgewitsch mit seiner Partnerin den 1. Preis. Schlagartig stieg auch beim Berliner Publikum das Interesse für diesen verruchten, lasziven argentinischen Tanz. Und selbst in der Armee fand der Tango seine Anhänger, was Kaiser Wilhelm II. nicht tolerierte: Er verbot seinen anständigen Offizieren, in Uniform den unanständigen Tango zu tanzen. Es mußte also heimlich geschehen, wie der Besuch eines Bordells. Die Freundschaft zwischen dem Tango und Berlin wurde durch den ersten Weltkrieg unterbrochen, nach dessen Ende andere Tänze wie Charlston oder Foxtrott en vogue waren. Aber die Blüte des Tangos keimte weiterhin im Hintergrund. Während der NS-Diktatur zog sich der Tango nach Buenos Aires zurück. Die Nazis lehnten die lateinamerikanischen Tänze insgesamt als "Ausdruck des Artfremden" ab. Was zurückblieb, war ein verzogenes Kind, das vom ADTV, dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband adoptiert und aufgepäppelt wurde: Der Standard-Tango, der seinen Vater, den argentinischen Tango, mit ruckartigen Bewegungen provozierte und ablehnte. Erst Jahrzehnte später sollten sich der Tango Argentino und Berlin wiedersehen: Wegen der Militärdiktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 gingen viele Argentinier ins Exil. Einige von ihnen kamen in die ehemalige und nun geteilte deutsche Hauptstadt, in der sich so vieles verändert hatte seit den 30er Jahren. Es kam zu einer erneuten, zaghaften Annäherung zwischen dem Tango Argentino und Berlin. Und dieses Mal unter anderen Vorzeichen, denn nun kam der Tango direkt aus Argentinien nach Europa. Die Musiker vom Sexteto Mayor begleiteten Tangoshows, die auf dem alten Kontinent gastierten. Im Rahmen des Horizonte-Festival 1982 traten Tango-Musiker wie Astor Piazzolla, Juan José Mosalini und Susana Rinaldi auf. Und besonders durch den Tango Nuevo des Astor Piazzolla lenkte der Tango die Aufmerksamkeit Berlins wieder auf sich. Im selben Jahr wurde in Westberlin der erste Tangounterricht angeboten, bevor es 1983 den ersten Tangoball im Metropol am Nollendorfplatz gab. Das war der Startschuß für eine neue Tangoära in Berlin. Eine Handvoll Tangueros und Tangueras, wie die Tangotänzer und -tänzerinnen sich nennen, trafen sich regelmäßig und gaben sich ihrer gemeinsamen Leidenschaft hin. Der Tango und Berlin ließen sich Zeit für ihren zweiten gemeinsamen Frühling. Anders als beim ersten Mal wollten sie nichts überstürzen. Sie tasteten sich einander an. Vorsichtig und gleichzeitig innig. Beide reifer geworden, gingen sie sorgsam und nur mit wohl dosiertem Exhibitionismus miteinander um. Anders als in der 20er Jahren, ging es dieses Mal nicht um schrille Showeffekte, sondern um tiefe Sehnsüchte und Emotionen. Die Berliner hatten sich verändert. Viele waren aus Westdeutschland "emigriert", um der Provinz zu entfliehen und in der geteilten Stadt ihr Glück zu suchen. Hier ist eine gewisse Parallele zu Buenos Aires zu erkennen, wo Ende des 19. Jahrhunderts viele Einwanderer aus Europa, vornehmlich aus Spanien und Italien, sich ein neues Leben aufbauen und ihr Glück versuchen wollten, darunter viele Abenteurer mit großen Träumen und wenig Geld. Einsamkeit und Sehnsucht nach der verlassenen Heimat ließ die europäischen Einwanderer Ablenkung in den Bordellen von La Boca suchen. Auch die Neuberliner mußten sich neu orientieren, sich neuer Konkurrenz stellen – und viele lebten ihre Melancholie und Zerrissenheit in der Einsamkeit der Großstadt beim Tango aus. Zudem stieg mit wachsender Zahl der Scheidungen und demnach die der Berliner Singlehaushalte auch die Zahl der Tangoliebhaber, denn in Berlin ist der Tango ein Treffpunkt für Singles. Zwischen 1990 und 1995 wollten Berlin und der Tango ihre Liebe mehr und mehr nach außen tragen. Neue Tänzer und Tänzerinnen stießen zur Szene, die jetzt noch mehr expandierte, als in den vorangegangenen Jahren. Eine neue Tangogeneration reifte heran, die sich teilweise als die Generation der Tangoveranstalter der Jahrtausendwende entpuppte. Aus vereinzelten Tangobällen wurden regelmäßige Veranstaltungen. Auf billig kopierten Handzetteln wurde auf diese Abende hingewiesen. Alles wirkte immer etwas improvisiert. Immer regelmäßiger besuchten nun Gastlehrer aus Buenos Aires Berlin, um den Tangueros und Tangueras den "authentischen" Tango Argentino näher zu bringen. Musiker entdeckten den Tango für sich. Es entstanden einige Tangoensembles. Das ehrgeizige Ziel der Tangueros und Tangueras war es, jeden Tag der Woche in Berlin Tango tanzen zu können. Dieses Ziel wurde schnell erreicht. Die Veranstaltungen wurden organisierter, die Werbung professioneller – und die Medien aufmerksamer: In Funk und Fernsehen wurde über den Tango Argentino in Berlin berichtet. Dem Magazin Stern war der Tango in Berlin 1997 eine Story wert. Von 1996 bis 1998 gab es einmal im Monat sogar eine einstündige Radiosendung mit dem Titel "FM-TANGO Berlin", in der über die immer größer werdende Szene berichtet wurde. Es folgten Dokumentarfilme wie "Berlin Tango" von Sebastian Schrade. Berlin und der Tango fühlten sich geschmeichelt und in ihrer Liebe zueinander bestätigt. Die verschiedenen Einflüsse und Meinungen machten es jedoch für beide nicht einfach, sich ausschließlich ihrer Leidenschaft hinzugeben. Aber das gehört im Alltag einer Liebe wohl dazu. Eine erneute Trennung ist undenkbar, denn inzwischen, so heißt es, ist Berlin nach Buenos Aires die Tango-Metropole. Die Tangueros und Tangueras sind nicht mehr nur die Jahrgänge bis 1970, sondern viele von ihnen sind heute um die 20. Zudem lockt der Tango Touristen aus ganz Europa nach Berlin, wo es zu Beginn des 21. Jahrhunderts rund 30 Tangosalons, unzählige Tangomusiker (darunter Luis Stazo vom legendären Sexteto Mayor, der inzwischen in Berlin lebt), mehr als 20 Tangoschulen und zudem zahlreiche Tangolehrer gibt. Im Internet berichtet tangokultur.info aktuell und umfassend über alles zum Thema Tango Argentino in Berlin und im gesamten deutschsprachigen Raum – und in verschiedenen Geschäften bekommen die Tangueros und Tangueras von spezieller Tangomode bis hin zu original argentinischen Tangoschuhen die passende Kleidung. Die Liebe zwischen Berlin und dem Tango ist gereift – und vielleicht wird dieses Paar auch am Ende des neuen Jahrhunderts noch zusammen sein. Autor: Jörg Buntenbach, Herausgeber tangokultur.info Tango Metropole Berlin Alle Anbieter für Sport, Fitness, Wellness und Gesundheit |
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