Hat der Rennradsport noch eine Chance?

180 Radprofis sind bei der 96. Tour de France unterwegs, aber interessiert sie uns Deutsche noch? Ein Bericht von Jan-Hendrik Schmidt.

Cinq…quattre…trois…deux…un. Die letzten Sekunden werden von einem Mitarbeiter der Rennleitung vor dem ersten kleinen Zeitfahren herunter gezählt. Ganz Deutschland fiebert den ersten Pedalumdrehungen Jan Ullrichs entgegen. Das war einmal. Jan Ullrich fährt nicht mehr.

Der Radsporthype, den der Tour de France-Sieger von 1997 auslöste, ist verpufft. Die deutschen Medien berichten nicht mehr über große Erfolge des deutschen Aushänge-Radstalls Team Telekom, sondern über neueste positive Doping-Proben internationaler Spitzenfahrer und über Geständnisse ehemaliger deutscher Radprofis. Ein Tief, aus dem der Profiradsport wieder herauskommen wird?

Seit der Tour de France 2006, bei der Ullrich von seinem eigenen Team suspendiert wurde, sind die Einschaltquoten der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung von ARD und ZDF gesunken. Der Unterschied zu den goldenen Zeiten Ende der 90er sind enorm. Der Knackpunkt – denn ohne das Interesse der deutschen Fernsehzuschauer an einer mehrstündigen Live-Übertragung der Tour de France, macht solch ein Format für ARD/ZDF keinen Sinn. Waren es 2005 noch ungefähr 24% Gesamtmarktanteil, so lag der Marktanteil der Tour de France Berichterstattung 2008 bei 10-15%. Ohne eine Fernsehübertragung ist ein effektives Sponsoring, wie wir es von der Telekom kennen gelernt haben, nicht mehr möglich. Der Sponsor möchte Namen und Logo möglichst oft und lange zeigen können, was mit dem Wegfall der langen Live-Berichterstattung entfällt.

Ist Jan Ullrichs unrühmlicher Abgang Grund für dieses Dilemma? Diese Frage ist mit „nein“ zu beantworten. Die Tour de France 2008 hatte vorüber- gehend gezeigt, dass auch andere Fahrer im Mittelpunkt des Interesses stehen können. Der deutsche Stefan Schumacher und der Österreicher Bernhard Kohl schafften mit ihren Erfolgen eine kurze Steigerung des Interesses, bis auch sie des Dopings überführt wurden. Als Folge davon zog sich der Teamsponsor Gerolsteiner zurück, das Team löste sich auf, weil kein neuer Sponsor gefunden werden konnte.

Das Problem ist, dass der deutsche Fernsehzuschauer aufgrund dieser ganzen Geschehnisse im Radsport das Vertrauen verloren hat. Die Quittung, die er ausstellt, ist Desinteresse. Das wissen die deutschen Fernseh- anstalten, sie investieren nur noch gering in eine Berichterstattung. Damit ist dann das Sponsoring für Wirtschaftsunternehmen nicht mehr interessant.

Der Radsport in Deutschland scheint tot zu sein. Ist er das? Auch hier wieder ein Nein. Der professionell betriebene Sport mag vielleicht in einer aus- sichtlosen Situation sein, aber der Amateur-, Breiten- und Hobbysport bleibt davon völlig unbeeindruckt. Die Teilnehmerzahlen von Jedermann-Rennen, wie zum Beispiel bei den Vattenfall Cyclassics in Hamburg (16. August 2009), steigen seit Jahren und könnten sogar weiter steigen, wen die Teilnehmerzahl nicht auf 22.500 begrenzt wäre. Auch die Mitgliederzahlen im Bund deutscher Radfahrer sind über die letzten Jahre konstant geblieben. Verkaufszahlen der Fahrradhändler schießen weiter in die Höhe.

Wenn man sich also mit der anfangs gestellten Frage, ob der Radsport in Deutschland noch eine Chance hat, auseinandersetzt, kommt man zu dem Ergebnis, dass der Profisport seinen Kredit wohl erst einmal verspielt hat.  Der Hobby- und Amateursport hingegen wird sich weiter gut entwickeln und vielleicht als Lokomotive den Profisport wieder aus seinem Tief ziehen. Dann können wir Deutsche uns wieder freuen, wenn die letzten fünf Sekunden vor dem Start herunter gezählt werden und ein deutscher Radrennfahrer an der Abfahrtrampe steht.

Autor: Jan-Hendrik Schmidt, Student der medienakademie Hamburg, Juli 2009            Foto: www.istockphoto.com

die medienakademie

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