Lernen, langsam zu sein!

Muss es immer Fußball, Turnen oder Tennis für Kinder und Jugendliche sein. Die Wu Wei - Schule in Hamburg bietet die chinesische Bewegungskunst Tai Chi für Kinder ab 7 Jahren an. citysports.de war vor Ort.

Reventlowstraße. Eine Jugendstil-Villa steht neben der anderen an der gut befahrenen Straße. Dazwischen ein etwas zurückgelegenes Haus. Ein rot-gepflasteter, schwungvoller Weg mit runden, weißen Steinen gesäumt und einem Buddha-Brunnen führt zur Wu Wei in Hamburg-Othmarschen.

„Die Sonne lädt dazu ein, draußen zu trainieren“, begrüßt Inhaber und Trainer Jan Leminsky freundlich seine Schüler. Dominic ist heute das erste Mal dabei. „Ich kann Englisch, Französisch und Deutsch“, gibt er preis. Schwer fällt dem 8-Jährigen allerdings das Ruhigsitzen. Heute steht Tai Chi auf Englisch auf dem Programm.

Alte chinesische Bewegungskunst

Seit 15 Jahren lehrt Jan Leminsky Kinder und Jugendlichen in der alten chinesischen Bewegungskunst. Alle Bewegungen werden langsam und fließend ausgeführt und sind harmonisch aufeinander abgestimmt. Der Sage nach geht Tai Chi Chuan, das wörtlich soviel wie Fausttechnik mit Hilfe der grenzenlosen Energie Qi heißt, auf den taoistischen Mönch Chang San Feng aus dem 12. Jahrhundert zurück.

Heute ist der jüngste Teilnehmer sieben Jahre alt. „Bei Fußball kann man verlieren, obwohl man selbst gut gespielt hat – bei Tai Chi schaffen das die Kinder ganz allein und gehören aber gleichzeitig einer Gemeinschaft an“, erklärt der 44-Jährige. Die Meinung teilt auch eine anwesende Mutter: „Tai Chi ist etwas Besonderes, Bewegung für Geist und Körper in einer kleinen Gruppe“.

Die Kinder lernen schnell, langsam zu sein und die Etikette zu respektieren

Drei Jungs und ein Mädchen ziehen ihre Schuhe aus, gehen barfuß über eine kleine rote Holzbrücke, durch ein rotes Tor in den Garten. Wer durch den Bogen geht, ist ruhig. Die Kinder lernen schnell, langsam zu sein. Laut und hektisch tönt es lediglich von den Autos, die hinter der hohen Hecke vorbei- fahren. Dominic stellt sich mit den anderen drei Kindern in einer Linie auf. Hier gibt es Regeln, andere als in der Schule. Genau achtet der Kampfkünstler auf die Etikette: Sei aufrichtig, loyal und zuverlässig, sich nicht besserwisserisch oder arrogant sind einige Werte, nach denen gelebt wird.

Haben Stadtkinder keinen Raum mehr sich auszutoben?

Das Trainingsprogramm beginnt mit lockeren Armschwüngen. „I can´t do it“, ertönt es leise aus der Reihe bei den ersten Gleichgewichtsübungen. Jan Leminsky nimmt alles auf. „It´s not so easy, you need all your concentration“. Ruhig auf einem Bein stehen, fällt schwer. Auch die Koordinationsübung sich mit der einen Hand an die Nase und überkreuz mit der anderen an das Ohr zu fassen, und dann die Seiten wechseln, wirkt nicht sicher. Haben Stadtkinder keinen Raum mehr sich auszutoben, sich auszuprobieren? „Viele Kinder, die kommen sind hyperaktiv“, erklärt der Coach. Bedeutet zappelig, dass sie nie die Möglichkeit hatten bzw. ihnen diese gegeben wurde, zu klettern, runter- zufallen, um es dann ein zweites Mal zu probieren? „Es entspricht der heu- tigen gesellschaftlichen Situation“, ist seine nachdenkliche Antwort. „Häufig ist der erste Kontakt zu Tai Chi erst bei Reha-Maßnahmen“, weiß er aus seiner langjährigen Erfahrung.

Altersgerechte Gleichgewichts- und Konzentrationsspiele

„Next exercise“, sagt der zertifizierte Tai Chi-Lehrer leise. Der Lärm der Straße, den hört man schon lange nicht mehr, jeder Teilnehmende ist so auf sich und die Bewegung konzentriert. Im gemütlichen Empfangsraum sitzt die Mutter von Dominic, trinkt Tee und atmet durch. Tief Luft holen sollen auch die Schüler. Tai Chi ist Meditation in Bewegung und somit eine ideale Form zur Ruhe zu kommen. Nach den Übungen in den Tai Chi- Form, Wu Bu, baut der Leiter und selbst Vater altersgerechte Gleichgewichts- und Konzentrationsspiele ein. Ein Lachen breitet sich über Dominics Gesicht aus. „Das hat mir am meisten Spaß gemacht“, wird er am Ende der Lehrstunde erzählen.

Den Abschluss bilden Tai Chi Grundübungen. Die Kinder verinnerlichen schnell die Bewegungsabläufe. „I do it“, freut sich ein Junge. Freudestrahlend, von sich überzeugt, beendet er den heutigen Tai Chi-Unterricht. Auch Dominic kommt nächste Woche wieder.

Text: citysports.de, Anne Nyhuis, 9/2009, Foto: Archiv Wu Wei