Volkstanz/Folkloretanz

Volkstanz / Folkloretanz, traditioneller Tanz, der im Leben und Brauchtum eines Volkes verwurzelt ist. Er wird bei ländlichen Festen und Feiern zu Musikbegleitung und Gesang getanzt. Gebrauch, Form und Inhalt der Volkstänze wurden ursprünglich mündlich über Generationen überliefert. Gewöhnlich werden einfache Schrittfolgen verwendet. Beim Volkstanz werden meist traditionelle Trachten getragen, die die Herkunft des Tanzes betonen.

Der Volkstanz entstand ursprünglich (wie das Volkslied) aus der Kultur der Unterklassen, vor allem auf dem Land. Durch vorwiegend schriftlose Tradition entwickelten sich im Lauf von Jahrhunderten in allen Kulturen eigenständige Tanzformen, die die regionale Identität einer Volksgruppe repräsentieren. Tänze, die in ihrer rhythmischen und formalen Struktur besonders charakteristisch für ein Volk sind, werden als Nationaltänze bezeichnet.

Die höfischen Tänze des Mittelalters und die Gesellschaftstänze des 20. Jahrhunderts haben sich überwiegend aus Volkstänzen entwickelt, wie z. B. der Walzer und der Twist. Ebenso haben sich häufig Volkstänze durch den Einfluss der Gesellschaftstänze verändert. Rituelle und zeremonielle Tänze wie der englische Moriskentanz und der rumänische Caluºari haben sich oft über Jahrhunderte hinweg ihre ursprünglichen formalen Eigenheiten bewahrt.

Im Allgemeinen bestehen Volkstänze aus einfachen, sich wiederholenden und problemlos zu lernenden Schrittfolgen. Doch viele Volkstänze sind sehr kompliziert und werden auch als einzelne virtuose Darbietungen aufgeführt, wie der Highland Fling aus Schottland.

ROLLE IN DER GESELLSCHAFT

Als fester Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens sind die Volkstänze oft mit bestimmten Ereignissen oder mit bestimmten Bevölkerungsgruppen verknüpft.

Anlässe

Bei den meisten Volkstänzen dürfen alle Mitglieder der Gemeinschaft teilnehmen. Aber es gibt auch Tänze, bei denen die Teilnahme vom Alter, Geschlecht, Können oder Status abhängt. Manche Tänze sind nur für bestimmte Gruppen, wie z. B. der balinesische Rejang, oder die Teilnahme ist abhängig vom sozialen Status oder einer exponierten religiösen Funktion. In vielen Völkern gibt es auch getrennte Tänze für Männer und Frauen. Tanzclubs, Bruderschaften oder Geheimbünde, wie die mexikanischen Concheros oder die Kachinavereinigungen der Puebloindianer, haben das alleinige Recht auf bestimmte Tänze.

Volkstänze werden an Feiertagen und anderen Festen im Jahreszyklus aufgeführt, ebenso zu bestimmten Ereignissen im Leben eines Menschen, oder bei Feierlichkeiten von bestimmten Organisationen und religiösen oder gesellschaftlichen Gemeinschaften.

Tanz im Jahreszyklus

Mit Tänzen werden oft die zyklischen Ereignisse eines Jahres, der Wechsel der Jahreszeiten, die Mondphasen und politische oder religiöse Festtage gefeiert.

Tänze im landwirtschaftlichen Zyklus enthalten oft Symbole der Fruchtbarkeit. In Frühlingsritualen werden die ersten Früchte gefeiert und die Entstehung neuen Lebens. In den Tänzen werden oft symbolische Kämpfe (z. B. zwischen Winter und Sommer) dargestellt. Andere Gelegenheiten zum Tanzen sind Erntefeiern.

Gesellschaften, die von der Jagd leben, haben oft Tänze, die sich am Jahreszyklus der Tiere orientieren. In vielen Naturvölkern gibt es auch heute noch magische Tänze, in denen Tiere imitiert werden.

Initiationsrituale

In vielen Völkern wird der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt (Initiation) durch Tanz gefeiert, z. B. Geburt, Beschneidung, erste Jagd, Hochzeit, Geburt eines Kindes, Übernahme einer neuen (höheren) Funktion usw. Die für den Tanz wichtigsten Initiationsfeiern sind vor allem Hochzeiten. Hier führen Braut und Bräutigam oft verschiedene Tänze auf. Im Norden Englands wird der Tanz von der Braut und ihrem Gefolge getanzt, und ihre Tänze haben oft religiöse Funktionen.

In manchen Völkern werden auch bei Totenfeiern Tänze aufgeführt. Je nach der Einstellung zum Tod sind die Tänze feierlich, wie bei den Toraja auf Celebes, oder fröhlich, wie bei einer balinesischen Einäscherung.

Funktion

Volkstänze haben in der westlichen Tradition überwiegend ihre ursprüngliche rituelle Funktion verloren. Trotzdem haben sie oft noch eine gemeinschaftsfördernde Funktion: Sie stärken das Gefühl, Teil einer nationalen oder regionalen Gruppe zu sein. Heute werden Volkstänze hauptsächlich als Hobby und zum Freizeitvergnügen aufgeführt.

Viele Volkstänze sind bei der Arbeit entstanden. Die rhythmischen Bewegungen in den japanischen Tänzen der Reisbauern erleichterten die Arbeit. Andere Freizeittänze haben sich aus den Bewegungen bestimmter Arbeitsweisen entwickelt, wie der schwedische Renningen, ein Webertanz.

FORMEN UND REGELN

Da Volkstanz immer unter sehr unterschiedlichen regionalen und historischen Bedingungen entstanden ist, haben alle Volkstänze der Welt ihre eigenen formalen und stilistischen Regeln. Die unterschiedlichen Schrittformen, Kostüme und musikalischen Elemente schaffen die verschiedensten Effekte in den Tänzen, wobei manchmal die Tänzer selbst zur musikalischen Begleitung beitragen. Volkstanz ist häufig sehr eng verbunden mit Volksmusik und der entsprechenden regionalen Kleidung. Viele Tänze kann man ebenso an ihrer Tracht erkennen wie an ihren Schritten.

Bewegungsablauf

Volkstänze haben meistens einfache Schritte, mit nur kurzen Folgen oder Figuren, die oft wiederholt werden. Andere Tänze steigern sich von einfacheren zu hochkomplizierten Schrittfolgen. Bei europäischen und davon abgeleiteten Tänzen liegt der Schwerpunkt auf den Schrittfolgen, wobei sich der Oberkörper nur wenig bewegt. In Asien, Afrika und Ozeanien ist die Bewegung des ganzen Körpers im Vordergrund. Oft sind die Bewegungsabläufe von Männern und Frauen verschieden. Männer stampfen kräftig auf und machen spektakuläre Sprünge, wie in dem norwegischen Halling und in dem kaukasischen Tanz Lezghinka. Frauen tanzen meist weniger kraftvoll, verwenden anmutige Bewegungen, kleinere Schritte und weniger (und niedrigere) Sprünge und Tritte.

Figuren

Die zentralen Unterscheidungskriterien einzelner Volkstänze sind die räumlichen Figuren und Bewegungen. Viele der geometrischen Anordnungen im Volkstanz haben oder hatten symbolische Bedeutung. Die wichtigste Form ist der Kreis. Ursprünglich symbolisierten die Kreistänze den Lauf von Sonne und Mond. Beispiele des Rundtanzes sind u. a. der serbische Kolo und die rumänische Hora. Tänze in Kettenform haben einen Führer, der die Gruppe in schlangen-, spiralförmigen oder geraden Formationen durch den Raum leitet.

Frontreigen sind charakteristisch für die Volkstänze auf den britischen Inseln. Bei diesen Tänzen stehen sich Männer und Frauen in einer Reihe gegenüber und die Tanzenden führen komplizierte Figuren aus.

Gruppenformationen wie die Quadrille, der Squaredance und der Countrydance werden von Paaren getanzt und sind durch häufigen Wechsel des Partners gekennzeichnet. Bei den meisten Gesellschaftstänzen hingegen wird der Partner nicht gewechselt.

Die Gruppenaufstellung der Paare erfolgt oft in einem vorgegebenen räumlichen Muster, meistens im Kreis, beim Squaredance im Karree. Dieses räumliche Muster kann sich im Verlauf des Tanzes mehrmals ändern. Die Paare tanzen z. B. erst im Kreis, haken sich dann bei anderen Paaren unter und formen ein Windrad oder einen Stern, lassen den Partner wieder los und bilden entweder einen großen Kreis oder zwei und mehr konzentrische Kreise. Siehe auch Csárdás; Mazurka; Polka; Tarantella.

Dramatische Elemente

Nur selten lassen sich beim Volkstanz erzählerische oder dramatische Elemente finden. Ausnahmen sind der hawaiische Hula-Hula, die Kampflieder der Maori und verschiedene indonesische Tänze, bei denen die Bewegungen der Tänzer die gesungenen Geschichten illustrieren. Bestimmte europäische Volkstänze, wie z. B. die Schwerttänze, beinhalten volkstümliche Dramen oder rituelle Handlungen. Kampftänze und Tiertänze finden sich in vielen Volkstänzen der Welt.

Musik

Musik spielt beim Volkstanz eine wichtige Rolle. Viele Tänze sind eng mit musikalischen Formen verbunden, vor allem mit Takt und Rhythmus der Musik, z. B. der Walzer und die Mazurka. In einigen Fällen sind Volkstänze mit bestimmten Instrumenten verbunden, wie z. B. der Flamenco mit der Gitarre. Häufig begleiten sich die Tänzer auch selbst. Dazu nehmen sie Instrumente wie Rasseln oder Kastagnetten oder erzeugen Geräusche mit Gegenständen, die sie am Körper oder am Kostüm befestigen. Die Hulatänzerinnen tragen z. B. raschelnde Baströcke, und die Morisken-Tänzer haben Glöckchen an den Fußgelenken.

ENTWICKLUNG IN DER GEGENWART

In den letzten Jahrhunderten war der Volkstanz vielen Strömungen ausgesetzt. Im Zeitalter der Industrialisierung verließen viele Menschen das Land und zogen in die Städte. Da die Ausbildung des Volkstanzes jedoch überwiegend mit agrarischen Bedingungen und Gesellschaftsordnungen verbunden war, haben viele Tänze nach und nach ihre Bedeutung verloren. In der sich verändernden Umgebung des städtischen Lebens entstanden neue Tänze. Auch die Kolonisation beeinflusste oft die Tänze, örtliche Formen verschmolzen mit den Tänzen der Kolonialmächte.

Im 20. Jahrhundert hat sich der Volkstanz mit der Beschleunigung kultureller Veränderungsprozesse wie mit der rasanten Entwicklung des Tourismus und der Massenmedien verändert. Manche Tänze gingen für immer verloren, und neue Tänze entstanden aus der Vermischung unterschiedlicher Kulturen. In ihrer authentischen Form haben sich die Volkstänze in Europa vor allem im südeuropäischen und südosteuropäischen Raum erhalten, während sie in Mitteleuropa hauptsächlich als Touristenattraktion und als folkloristische Vorführkunst betrieben werden.

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