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Viel Internet = wenig Sport?

Gilt noch die so genannte „Stubenhocker-These“, die besagt, dass eine zunehmende Mediennutzung Jugendliche davon abhalte, Sport zu treiben? Eine neue Studie der Deutschen Sporthochschule Köln hat jetzt die Internetnutzung der 13- bis 17-Jährigen genauer betrachtet.

Immer noch weit verbreitet ist die so genannte „Stubenhocker-These“, die besagt, dass eine zunehmende Mediennutzung Jugendliche davon abhalte, Sport zu treiben und langfristig motorische Defizite verursache. Birgit Braumüller und Univ-Prof. Dr. phil. Ilse Hartmann-Tews haben nun umfangreiches Datenmaterial über die Relevanz von Medien, Kultur und Sport im Alltag junger Menschen (MediKuS) neu analysiert, das im Rahmen einer groß angelegten Studie über die Freizeitgestaltung junger Menschen erhoben wurde. Ins Zentrum ihrer Auswertung haben die beiden Forscherinnen vom Institut für Soziologie und Genderforschung explizit die Frage gestellt, wie sich die Nutzung von Internetangeboten auf die Sportaktivitäten von Jugendlichen auswirkt und umgekehrt.

Längst ist unbestreitbar, dass der Kommunikation über das Internet neben dem Einfluss von Familie, Schule und Peergruppen eine zentrale Rolle bei der Sozialisation Jugendlicher zufällt. Die MediKus-Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Deutschen Internationalen Instituts für Pädagogische Forschung (DIPF) hat bereits 2012 wertvolle Befunde zum Sport- und Medienhandeln der 9- bis 24-Jährigen hervorgebracht. Braumüller und Hartmann-Tews betrachten nun explizit das Verhalten der 13- bis 17-Jährigen. Denn die Jugendlichen aus dieser mittleren Altersgruppe befinden sich im Ablösungsprozess vom Elternhaus und in einer Lebensphase, in der die vier zentralen Entwicklungsaufgaben (Qualifizieren, Binden, Konsumieren, Partizipieren) besonders wichtig sind.

Das erste Ergebnis, das die Forscherinnen herausstellen, zeigt die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. „Während Sport und Internet für Jungen wichtiger sind, nehmen Schule/Ausbildung, Musik, Kunst und Literatur bei Mädchen einen höheren Stellenwert ein“, schreiben die Autorinnen. „Nach der klaren Priorität von Schule/Ausbildung für beide, rangiert Sport als wichtigste Freizeitbeschäftigung bei Jungen vor Musik, während bei Mädchen diese Reihenfolge umgekehrt ist.“ Von allen Jugendlichen wird dem Sport allerdings eine größere Relevanz zugesprochen als dem Internet, obgleich sie mehr Zeit im Netz verbringen als im Sportverein, auf dem Bolzplatz, beim Waldlauf oder bei anderen sportlichen Aktivitäten.

Im Zentrum der Studie steht jedoch die Frage, wie sich die Internetnutzung auf die sportlichen Aktivitäten auswirkt. Hierzu identifizieren die Autorinnen einzelne Effekte des Sporthandelns auf die Internetnutzung und umgekehrt. Sportlich aktive Mädchen verbringen signifikant weniger Zeit online vor dem PC oder mit dem Smartphone als sportlich inaktive Mädchen. Umgekehrt wirkt die eingeschätzte Wichtigkeit des Internets nur bei Jungen negativ auf den Sportumfang: Jungen, die dem Internet eine hohe Relevanz im Leben zuschreiben, treiben weniger Sport, als jene, für die das Internet weniger wichtig ist.

Interessant ist hier eine genauere Betrachtung der inhaltlichen Internetnutzung: Je häufiger die Jugendlichen in den freundschaftsorientierten sozialen Netzwerken unterwegs sind, desto weniger Zeit investieren sie in ihre Hauptsportart. Das legt die Vermutung nahe, dass die Pflege sozialer Beziehungen, die ein starkes Motiv zur Beteiligung am Vereinsleben ist, verstärkt in den sozialen Netzwerken stattfindet. Zugleich kann die Rezeption von Sportinhalten im Internet das Bedürfnis der Jugendlichen stärken, selbst Sport zu treiben, wie die Auswertung der Daten nahe legt.

„Die Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen sportlichen und internetbezogenen Freizeitaktivitäten zeigen, dass Internetnutzung und sportliche Aktivitäten sich weder eindeutig verstärken noch verdrängen, sondern weitgehend nebeneinander oder ineinander verwoben existieren“, resümieren Braumüller und Hartmann-Tews. „Den kulturpessimistischen Thesen, dass Jugendliche Medienfreaks und gleichzeitig Körperwracks oder mediatisierte, isolierte Stubenhocker seien, muss widersprochen werden.“

Vielmehr scheint die Sportaktivität relativ unabhängig von den medialen Aktivitäten der Jugendlichen zu sein. Gibt es keine spannenden Freizeitoptionen, ist die Neigung zur Internetnutzung offenkundig groß, sobald aber Alternativen verfügbar sind, verliert das Netz mit seinen vielen Angeboten an Attraktivität. Es ist also eher so, dass der Sport das Potenzial hat, mediale Aktivitäten der Jugendlichen einzudämmen als umgekehrt.

Text: Daniel Theweleit, DSHS Köln

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