Was passt besser zu mir?

Wie soll der Kampfkunst- bzw. Kampfsport-Interessierte aus der Vielzahl der Angebote den für sich „richtigen“ Stil auswählen? Der Kampfkunstlehrer Michael Derpsch erklärt, was man über Kampfkünste und Kampfsportarten wissen sollte.

Die Frage, die sich jeder stellen sollte ist: „Was ist der beste Kampfkunststil für mich?“. Schließlich leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert, und wenn man nicht gerade in einer Hundert-Seelen-Gemeinde wohnt, findet man innerhalb von 30 Fahrminuten ein Angebot an so ziemlich allen Kampfkunststilen vor, die es weltweit gibt. So gibt es japanisches Karate oder japanisches Judo, chinesische Kung-Fu-Stile wie Wing Tsun oder Tai Chi, aber auch Stile aus Brasilien, Thailand, den Philippinen, Russland, Vietnam, Israel, Amerika und noch viele mehr.

Eigene Ziele bei der Auswahl beachten

Wie soll nun der Kampfkunst- bzw. Kampfsport-Interessierte aus der Vielzahl der Angebote den für sich „richtigen“ Stil auswählen? Welche Anforderungen hat er an „seinen“ Stil, welche Ziele möchte er erreichen? Ist es eine gesteigerte Selbstverteidigungsfähigkeit, die ihn auf eine ernsthafte körperliche Bedrohung vorbereiten soll? Möchte er seine Gesundheit erhalten und sogar noch verbessern? Ist ihm der sportliche Wettstreit mit anderen wichtig oder legt er auf so etwas keinen Wert? Nach diesen individuellen Zielen und Wünschen sollte er sich dann den für sich passenden Stil aussuchen.

Unterschiede zwischen Kampfkunst und Kampfsport

Ganz allgemein kann man die Stile nach Kampfsportarten und Kampfkunststilen  unterscheiden. Kampfkunststile werden zudem in Selbstverteidigungssysteme, Gesundheitssysteme, Opernstil oder in „echte“ Kampfkunststile unterschieden.

Kampfsportarten: Hierzu zählen z. B. Judo, Karate, Taekwondo, Boxen, Ringen, Kickboxen, sehr moderne Stile wie das MMA (Mixed Martial Arts) oder das Brazilian Jiu Jitsu. Der eigentliche Sinn und Zweck dieser Kampfsportarten besteht darin, den Ausübenden auf einen Zweikampf nach vorher festgelegten Regeln vorzubereiten. Wenn der sportliche Wettkampf, also der Vergleich mit einem anderen Sportler für den Interessierten im Vordergrund steht, wird er hier sicherlich fündig. Diese Kampfsportarten haben auch den Vorteil, dass sie die körperliche Fitness verbessern.

Weniger Regeln umso härter der Kampf

Da es sich in dieser Kategorie um wettkampfbetonte Sportarten handelt, spielt es eine wichtige Rolle, wie das Regelwerk für diese Wettkämpfe im einzelnen beschaffen ist: Umso weniger Regeln es beim Wettkampf gibt, umso härter ist das Training, und umso härter sind die Wettkämpfe, was auf lange Sich oft dazu führt, dass diese Wettkämpfe und ebenso das Training der Gesundheit eher schädlich als zuträglich sind.

Natürlich kann man auch nach Kampfsportschulen suchen, in denen die Teilnahme an Wettkämpfen nicht beabsichtigt ist. Sicherlich gibt es solche Schulen auch, wobei der Suchende dann sehen sollte, das ja der Kern der Sache, der Wettstreit mit einem anderen, als Ziel nicht mehr gegeben ist und man dann vielleicht doch eher im weiteren Bereich der Kampfkunststile besser aufgehoben wäre.

Mit Kampfsportarten verbessert man seine Kondition sowie seine Selbstverteidigungsfähigkeit. Allerdings sollte diese ausgeübte Kampfsportart dann auch nicht einem zu umfangreichen Regelwerk unterliegen. Denn der Ernstfall eines körperlichen Übergriffs kennt keine Regeln, und wenn man immer nur gewisse Techniken trainiert, dann wendet man diese entschärften Techniken auch im Ernstfall "nur" an. „You fight like you train“, wie es im amerikanischen treffend heißt.

Kampfkunst /Selbstverteidigungssysteme: Für diese Stile sind beispielsweise das Jiu Jitsu, das israelische Krav Maga, das moderne Wing Tsun oder auch sehr moderne Stile wie das Reality-Based Personal Protection System aus Amerika von Jim Wagner zu nennen.

Charakteristisch für die Stile ist, dass kein Regelwerk die teilweise sehr effektiven und gefährlichen Kampftechniken entschärft, um den Ausübenden so schnellstmöglich auf eine Selbstverteidigungssituation vorzubereiten. Daher werden bei diesen Stilen auch Themen wie etwa die „Bedrohung durch mehrere Angreifern“, die „Bedrohung durch bewaffnete Aggressoren“ sowie „terroristische Attacken“ bis hin zu „juristischen Gesichtspunkten“ vermittelt.

Kampfkünste wirken gesundheitsfördernd und steigern die Fitness, da alle motorischen, körperlichen und kognitiven Fähigkeiten gleichermaßen geschult werden.

Der körperliche Wettstreit mit anderen ist hier nicht zu finden, denn gerade Dinge wie Regeln, Gewichtsklassen oder Geschlechtertrennung, die in jedem sportlichen Wettkampf Beachtung finden, würden nicht mehr auf die realistische Selbstverteidigungssituation vorbereiten und somit im Weg stehen.
Tipp: Daher auch Vorsicht vor Anbietern, die angeblich beides, sportlichen Wettkampf und Selbstverteidigung, anbieten. Beide Dinge schließen einander aus.

Kampfkunst / Gesundheitssysteme: Hier gibt es bereits eine wesentlich geringere Auswahl als im Bereich der Kampfsportarten. Im Westen am bekanntesten sind Stile wie Tai Chi oder Qi Gong. Beide dienen ausschließlich der Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit. Eine Ausübung bis ins hohe Alter ist ohne weiteres möglich, und die Gefahr, sich beim Training oder im Wettkampf zu verletzen, besteht bei korrekter Ausübung nicht.

Jemand, dem Wettkämpfe oder Selbstverteidigung nicht sehr wichtig sind, und der vor allem die eigene Gesundheit erhalten und verbessern will, sollte sich eine Schule suchen, die einen solchen Stil unterrichtet.

Kampfkunst / Opernstile: Das bekannteste Beispiel für die Opernstile ist das sogenannte „Wu Shu Kung Fu“. Hier werden viele akrobatischen „Kampf“techniken gelehrt, die wunderschön aussehen und sehr künstlerisch präsentiert werden, die aber in einer realen Kampfsituation nicht anwendbar sind. Der Begriff „Opernstil“ wird deswegen verwendet, da solche Kampftechniken oftmals für Film und Fernsehen benutzt werden.

Dass das Betreiben eines solchen Stils auch im besonderen Maße den eigenen Körper trainiert, versteht sich von selbst. Denn gerade die tiefen Stände, weit ausladenden Bewegungen oder auch die hohen Sprungkicks verlangen einen hohen Grad an Akrobatik.

Kampfkunst / „echte“ Kampfsysteme: Diese Kampfsysteme wie z.B. das chinesische Wing Tsun Kung Fu oder dessen Ableger, das von Bruce Lee entwickelte Jeet Kune Do sind logisch und strategisch angelegte Stile, die dem Anwender auf einen „Kampf ohne Regeln“ (Selbstverteidigungssituation“) vorbereiten sollen. Die Kunst innerhalb solcher Stile besteht darin, dass die Bewegungen derart perfekt auf die Anatomie des menschlichen Körpers abgestimmt sind, dass der Anwender auf der Stufe der Meisterschaft die Kraft und die Techniken des Gegners fast vollständig zu neutralisieren und für sich nutzbar zu machen imstande sein soll.

Daher können diese Stile auch bis ins hohe Alter ausgeübt werden und sie ermöglichen auch körperlich schwächeren Menschen wie z.B. Frauen, von denen übrigens auch Wing Tsun erfunden wurde, leicht einen hohen Grad an Selbstverteidigungsfähigkeit zu erlangen. Die durch derartige Stile geschulte nahezu perfekte Art, den eigenen Körper zu bewegen, und jede Kampfsituation von einer Art wissenschaftlichem Standpunkt aus analysieren und beurteilen zu können - das ist die Kunst an solchen Stilen!

Text: Michael Derpsch, 08 / 2013


Autor Sifu Michael Derpsch

Mit 6 Jahren begann Michael Derpsch diverse Kampfsportarten zu trainieren und kam 1997 zum Wing Tsun. Seine lehrende Tätigkeit begann er in der EWTO Academy Frankfurt, setzte sie als Privatlehrer fort und ist nun Leiter seiner eigenen Wing Tsun Schule in Hasselroth Gondsroth.
2010 wurde Michael Derpsch offiziell zum Sifu of Wing Tsun ernannt und bildet sich weiterhin bei diversen Sifu´s sogar über die Grenzen Deutschlands hinweg weiter.